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alternative musik

Underground in Leipzig 1981 – 1989 | 3fach LP

Da liegt Sie vor mir, zwei Kilo schwer und nicht zu übersehen, die Dokumentation einer für mich prägenden Zeit: Der musikalische Underground in Leipzig 1981 – 89. Es sind 39 Bands auf der Compilation, in der Box sind 3 Langspielplatten und ein 148seitiges, farbiges Begleitbuch im LP-Format. 

Die Musik der LP „Heldenstadt Anders / Leipziger Underground 1981 – 1989“ entstand aus einer Situation heraus, die es heute in Deutschland so nicht mehr gibt: Underground im Sinne einer Untergrundbewegung, als Ausdruck einer Opposition gegen eine staatlich verordnete Kultur. Musik hat heute eine Öffentlichkeit, die es für die Gruppen auf dem Sampler nicht geben konnte, deren Existenz in der damaligen Gesellschaft zum Teil illegal oder unerwünscht war. Dadurch gewinnen die wenigen Aufnahmen aus dieser Zeit eine Bedeutung, die sich nicht unbedingt durch reines Zuhören erschließt. Für Hintergrundgeschichten, Bilder, Banddiagramm und Konzerttermine  liegt das schöne Begleitbuch bei. Alles ist von Zeitzeugen geschrieben oder geprüft, es wurde großer Wert auf historisch richtige Fakten bis ins letzte Detail gelegt. Musikalisch kann man die LP vorwiegend in die Richtungen Punk, Postpunk, NDW, Wave einordnen. Veröffentlicht hat das ganze Trümmer Pogo, ein Label, das seit 25 Jahren aktiv ist. Vor allem aber ist es die Arbeit von Schrammel gewesen, der alles initiiert und zusammengetragen hat.

Für mich ist es spannend festzustellen, wie viele damals, komplett unabhängig voneinander, den gleichen Weg wie wir gegangen sind. Zu einem Teil kannte ich die Gruppen auf der LP noch nicht, zum anderen Teil hat man sich damals erst nach einiger Zeit des Musizierens kennengelernt. Die Inspiration dazu kam aus spärlichen Quellen. Die wichtigsten Einflüsse waren wahrscheinlich der West-Rundfunk, die meisten haben auch nur ein Programm empfangen, und die wenigen, eingeschmuggelten LPs, die dann auf Tape kursierten. Entstanden ist sehr vielfältige, zum Teil sehr eigenwillige Musik. Das erste Bild von einem Punk mit Sicherheitsnadel im Ohr und Iro sah ich aber in der DDR-Kinderzeitschrift „Frösi“ (Fröhlich sein und singen). Es war als abschreckendes Beispiel dort abgebildet.

Wir sind mit drei Titeln aus unterschiedlicher Zeit und Besetzung vertreten. Das ergab sich aus der Gliederung der 3 LPs: Die erste LP enthält nur Gruppen ohne Spielerlaubnis. Da sind wir als egaCell mit dem Lied „Das ist der Grund“ dabei. Dann mit „Brot & Spiele“ auf der zweiten LP, die Musik von Gruppen mit staatlicher Genehmigung für Auftritte enthält*. Auf der dritten LP, die eher experimentelle Musik versammelt, findet sich „Im Zentrum“, mit Klaus-Peter John als Sänger und Texter.

Gerade Neu Rot wurde durch ganz verschiedene Einflüsse geprägt. Auf der einen Seite durch die Freejazz-Szene und diverse Konzerte, die man erlebt hat: Caspar Brötzmann, Joe Sachse, Günter Sommer, Cassiber, Kixx, James „Blood“ Ulmer und Saxophonist George Adams, Blinde Idiot God. Auf der anderen Seite durch die Gleichzeitigkeit, in der wir Musik unterschiedlichster Stile hörten. Für mich war und ist es kein Problem, Led Zeppelin neben The Clash, The Residents und Sonic Youth neben King Crimson oder Genesis neben The Stranglers zu hören. Oft hatte ich auch keine Bilder der Musiker, deshalb war die Mode und die Zeit, aus der die jeweilige Musik stammte, nebensächlich. Warum sollte man vor einem bestimmten Musikstil halt machen? Nur weil man dann nicht mehr in eine Schublade passt? Kommerzieller Erfolg war unter den damaligen Umständen nicht denkbar. Das machte den Kopf frei, ungewöhnliche Wege zu gehen.

Beim Lesen und Hören könnte man, oberflächlich betrachtet, zu der Ansicht kommen, es war eine tolle Partyzeit im Leipzig der 80er Jahre. Ständig Konzerte von immer neuen und interessanten Gruppen. Eine Menge Clubs, noch dazu jedes Wochenende Konzerte auf privaten Partys. Leider ist das nur die halbe Wahrheit. Ich glaube, keiner der dabei war, wünscht sich diese Jahre zurück. Auch wenn es unsere Jugend war, und wir bestimmt alle auch schöne Erlebnisse mit dieser Zeit verbinden, vergesse ich nicht, was es bedeutet, in einem totalitär geführten Land zu leben.

Dazu kam noch, dass die Gesellschaft auch damals sehr zwiespältig war. Auf der einen Seite konnte man in einem ganz normal bewohnten Mietshaus über Jahre regelmäßig mehrmals die Woche proben, auf der anderen Seite aber auch bei Auftritten von der Bühne gejagt oder den Strom abgestellt bekommen. Allein eine ungewohnte Frisur konnte den blanken Hass von Passanten oder Kollegen auslösen. Das ist, meiner Erinnerung nach, gegen Ende der 80er besser geworden. Eine mit heute vergleichbare Offenheit und Toleranz gab es aber nicht. Es war sehr leicht zu provozieren und jedem klar zu machen, dass man Staat und Gesellschaftsordnung ablehnt. Aber selbst, wenn man das vielleicht gar nicht wollte, man wurde schnell von den Funktionären in diese Ecke geschoben. Teile des Publikums waren gierig nach jedem Ton, jedem Wort, dass sich vom üblichen DDR-Rock abhob. Und es ist ein Merkmal, das sich durch die ganze LP zieht: Man wollte anders klingen als die vom Staat erlaubte Rockmusik. Was für eine absurde Tatsache: Staatlich erlaubte Musik! Es wurde versucht, nicht nur das Denken, sondern auch die Ästhetik zu bestimmen. Zum Glück gab es in Leipzig und der ganzen DDR genug Leute, die sich dem widersetzt haben. Das ist der Nährboden gewesen, auf dem diese Musik entstanden ist. Der Zusammenhalt unter Gleichgesinnten war groß. 
Im Podcast über die LP hat Christo treffend angemerkt: Dieser Teil der DDR-Kultur ist größtenteils fast verloren, weil er in den Staatsmedien der DDR praktisch nicht vorhanden war. Bis auf eine Radiosendung ab 1986 (Parocktikum) wurde nur Musik gesendet, die in irgendeiner Form durch die Zensur gegangen war. Deshalb gibt es auch nur mit einfachen Mitteln erstellte Tonaufnahmen. Meistens ist alles live gespielt und gemischt, Mehrspurtechnik war für diese Gruppen nicht verfügbar. Umso authentischer klingt deshalb auch alles.

In der heutigen Zeit hat nicht mehr jeder einen Plattenspieler, leider gibt es aber keine digitale Ausgabe der LP. Allerdings bin ich der Meinung, allein das Buch ist es wert gelesen zu werden. Aber vielleicht wird es einen Download geben, wenn die auf 1000 Stück limitierte LP vergriffen ist? Trümmer Pogo, Schrammel und alle, die bei der LP und dem Festival mitgeholfen haben, handeln im gleichen Geist, in dem die Musik damals entstanden ist. Es geht nicht um einen finanziellen Aspekt, sondern um Idealismus und Verwirklichung der spontanen Idee. Das macht einfach den meisten Spaß! Aber ganz ohne Geld geht auch das nicht, deshalb könnt ihr diese interessante LP hier per Mailorder bestellen:

Prelle
danilo.prechtl (ät) gmx.de

Roy
roymehl (ät) gmx.net

Weitere Informationen:
http://www.truemmer-pogo.de

Viel Spaß damit,
Jörg

* Die staatliche Genehmigung zum Auftritt erhielten wir noch mit dem Material von egaCell, durften dann aber diese Titel nicht spielen, da die Aufführung der vorliegenden Texte einen „Einzug der Spielerlaubnis“ nach sich gezogen hätte. „Brot & Spiele“ wurde nie von der sogenannten Einstufungsjury bewertet.

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